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Kapitel X

Die Verfolgung der jüdischen Mitbürger in den Städten Rheda und Wiedenbrück

1933: Dunkles Zeitalter auch in unserer Heimatstadt - "Rheda im Zeichen der Braunen Messe"
1933: Durchsuchung Firma Weinberg
1935 Hakenkreuz über Rheda (Bleichstraße)
1937: NSDAP-Gebäude in Wiedenbrück

Die nachfolgend geschilderten Ereignisse beruhen überwiegend auf den Aussagen von Zeitzeugen. Nur wenige Informationen konnten den Verwaltungsakten entnommen werden. Eine Reihe von Akten sind kurz vor der Befreiung beider Städte durch die Amerikaner im Frühjahr 1945 verbrannt worden. Am 10. Oktober 1932 gehörten 255 Personen im Kreis Wiedenbrück der jüdischen Religionsgemeinschaft an. Der Kreis Wiedenbrück zählte damals zirka 83 000 Einwohner. Nach einer vorliegenden unvollständigen Übersicht wohnten in Rheda weit über 100 jüdische Mitbürger. Über 70 dieser jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger sollen schon vor der Reichskristallnacht ausgewandert, verzogen und einige wenige verstorben sein.

In der Nacht vom 28. zum 29. März 1933 durchsuchten SS-Leute die Räume der Fa. Gebr. Weinberg nach Waffen. Angeblich stammte der Hinweis, daß in dieser Firma Waffen gelagert bzw. versteckt würden, von einem ehemaligen
Reichsbannermitglied. Die Durchsuchung der Räume der Fa. Gebr. Weinberg wurde - so die Darstellung der Polizeibeamten - mit dem Führer der hiesigen Ortsgruppe der NSDAP Anton Sewerin abgestimmt. Sewerin bestritt jedoch am anderen Tage die Aussage der Polizeibeamten.

Wie im gesamten Reichsgebiet, so wurden auch in Rheda am 1. April 1933 die jüdischen Geschäfte boykottiert. Es ereignete sich ein Zwischenfall, über den die Verwaltungsakten informieren. Vor dem jüdischen Geschäft Dannenbaum an der Langen Str. in Rheda bezogen SA-Leute Stellung. Der Sohn des Ladeninhabers versuchte, die vor dem Laden postierten SA-Männer mit ihren Schildern: "Kauft nicht bei Juden" zu photographieren, was ihm auch gelang.
Er wurde daraufhin sofort verhaftet und der Landeskriminalstelle Bielefeld zugeführt. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Anfang April 1933 mußte der bisherige Rhedaer Bürgermeister Walter Evertz seinen Stuhl räumen, da der Kreisleiter der NSDAP ihm nahegelegt hatte, seine Dienstgeschäfte aufzugeben. Einen alten Kämpfer, aufrichtig, männlich und stark, hatte Kreisleiter Horn sich erwählt, da die Stadt Rheda wegen der "bisherigen Judenherrschaft" eine starke Hand benötigte. Kreisleiter Horn schaltete den Gauleiter Dr. Meyer ein mit der Bitte, von dort aus den Regierungspräsidenten anzuweisen, in Rheda die von der NSDAP gewünschten Verhältnisse herzustellen. Der neue auserwählte Bürgermeister war Josef Bauer; er wurde auch von Sozialdemokraten mitgetragen, da er aus dem Volke kam. Josef Bauer war "Bürovorsteher beim Simonswerk" und übte das Bürgermeisteramt bis zum März 1936 aus.


Als schweigende Mehrheit betrachteten vor der Machtübernahme eine Vielzahl der Rhedaer Mitbürger das Treiben der Faschisten. Nach der Machtübernahme waren fast alle Bürger von dem neuen System begeistert. Eine große Rhedaer Firma veranstaltete aus Anlaß der Machtübernahme ein großes Erbsensuppenessen. Der Druck gegen die jüdischen Mitbürger verschärfte sich aber von Tag zu Tag. Die vorher existierenden Freundschaften zwischen Juden und Nichtjuden zerbrachen nach und nach. Die ehemaligen Freunde waren nicht mehr bereit bzw. nicht mehr in der Lage, die Juden noch anzusehen, geschweige denn zu grüßen. Die Juden, die nun gequält, diffamiert und verfolgt wurden, hatten im ersten Weltkrieg für das Vaterland gekämpft und teilweise für ihre Tapferkeit Auszeichnungen erhalten. So erhielten Max Goldschmidt und Max Weinberg das Eiserne Kreuz. Hervorgehoben werden muß aber auch, daß Mitglieder des ehemaligen Arbeiterturnvereins ihnen bekannte jüdische Mitbürger beim Einkaufen und Spazierengehen begleiteten, um sie so vor Übergriffen zu schützen.

Über die Ereignisse in der Reichskristallnacht berichtete die „Glocke" am 11. November 1938:

"Wie überall im Großdeutschen Reich, so kam es auch in den Kreisen Beckum, Warendorf und Wiedenbrück in der Nacht zum Donnerstag und am Donnerstagvormittag zu spontanen antijüdischen Kundgebungen. Es waren Kundgebungen, zu denen es kommen mußte, um einmal den lange aufgehaltenen Groll, den die Hetze und die Gemeinheiten des Weltjudentums verursacht haben, zu entladen.
Auch in Rheda fand sich das deutsche Volk spontan auf den Straßen zusammen, wobei eine Anzahl von Fensterscheiben in die Brüche ging. Die Synagoge wurde ein Raub der Flammen. In Wiedenbrück gingen bei der Kundgebung eine Anzahl von Fensterscheiben in die Brüche, ebenso einige Schaufenster."

Was geschah im Einzelnen.

Ein Polizeibeamter der Ortspolizeibehörde Rheda äußerte gegenüber einem Bürger, als dieser ihn auf den Synagogenbrand ansprach: "Was da brennt, daß laßt ruhig brennen, das hat seine Richtigkeit." Gegenüber der Synagoge am Steinweg erlebten die Bewohner eines Hauses folgendes: Durch den Lärm vor ihren Fenstern geweckt, öffneten sie die Fenster, um nach der Ursache des Lärmes zu sehen. Sie sahen eine lichterloh brennende Synagoge und Uniformierte, mit Waffen ausgerüstete SA-Männer. Als diese die Neugierigen bemerkten, rissen sie ihre Waffen hoch und forderten die Bürger auf, sofort die Fenster zu schließen. Am anderen Morgen lagen die Schriftstücke aus der Synagoge, auf hungerten von Metern zerstreut, auf der Straße. Die Synagoge war total zerstört.

Nun die weiteren Ereignisse in der Reichskristallnacht. An der Oelder Str. wurde die Familie Hoffmann aus ihrer Wohnung getrieben. Das Mobiliar zertrümmerten die Nazi-Horden und die Bekleidungsstücke warf man auf die Straße. Die Familie Hoffmann wurde in dem Einwohnerverzeichnis der ehemaligen Stadt Rheda nicht geführt. Nach einer Aussage des ehemaligen Stadtarchivars Lübbermann konnten in der damaligen Zeit über einen längeren Zeitraum Bürger in unserer Stadt wohnen, ohne dass sie registriert waren.

Im Haus an der Wilhelmstr. 28 wohnten insgesamt 6 jüdische Mitbürger. Von diesen sind nur Else Weinberg und Adolf Weinberg vor den Ereignissen in der Reichskristallnacht im Oktober 1937 nach Amerika ausgewandert. Nach übereinstimmenden Aussagen sind die Faschisten in diesem Hause so brutal vorgegangen, daß das Blut an den Wänden klebte. Noch am anderen Tage haben Kinder Porzellan aus den Fenstern geworfen. Nach glaubwürdigen Aussagen hat am Donnerstagvormittag der Jude Weinberg" händeringend 3 Nonnen um Hilfe gebeten. Diese gingen jedoch, ohne eine Reaktion zu zeigen, in die Clemenskirche."

Gegenüber der Praxis von Dr. Buchheister wohnte die jüdische Familie Stern. Auch dort plünderten die Nationalsozialisten. Brutal gingen "diese Helden der Nation" auch an der Wilhelmstr. 5 vor. Dort wohnten Erna, Margot, Max und Israel Weinberg. Der Nachbar berichtete, daß die Verletzten seine Familie um Hilfe baten. Notdürftig wurden die Verletzten versorgt und heimlich zum Elisabethkrankenhaus gebracht.

In Wiedenbrück wohnte der ehemalige SPD-Ratsherr Schnurmann an der Bahnhofstr. Er war ein Halbjude. Seine Wohnung wurde in der Reichskristallnacht verwüstet.

Am Klingelbrink unterhielten die Wallachs ein Manufakturgeschäft. Jedes Jahr kleideten die Wallachs Kinder armer Familien - gleich welcher Konfession sie angehörten - kostenlos ein. Dem Kreisleiter der NSDAP, Horn, haben sie das
Studium ermöglicht. Horn selber soll in der Reichskristallnacht die Aktion bei den Wallachs geleitet haben. Das Manufakturgeschäft und die Wohnung plünderten die Faschisten; die Wäsche wurde aufgeschlitzt und die Einmachgläser zertrümmert. Auf die Wallachs bezogen, schrieb der Archivar der Stadt Wiedenbrück im Jahre 1956: "Nur die Nachkommen aus dem Nordende des Rhedaer Langen Jammers eingebürgerten Metzgers Moses Wallach sind zu Wiedenbrück wirklich seßhaft geworden und bis zur Entführung nach Theresienstadt im Sommer 1942 als ehrenwerte Bürger und Geschäftsleute verblieben."

Folgende Ereignisse sind zeitlich nicht einzuordnen:
Von mehreren Mitbürgern wurde die "Hasenjagd" geschildert. Bei dieser Hasenjagd sollen u.a. jüdische Frauen in den Hambusch gejagt und vergewaltigt worden sein.

Ein jüdischer Mitbürger wurde von Nationalsozialisten zusammengeschlagen. Anschließend versuchten die Schläger, diesen Juden in den Abwasserkanal zu stecken.

"Eine Tochter der Weinbergs von der Langen Str." in Rheda haben die Nazis nackend durch die Straßen getrieben.

Nach den schrecklichen Ereignissen in der Reichskristallnacht sind noch einige der jüdischen Mitbürger in Bielefeld gesehen worden. In Bielefeld sind aus verschiedenen Orten des Regierungsbezirkes Juden zusammengezogen und
teilweise in die Konzentrationsläger überführt worden.


Ergänzungen hierzu in der Neuauflage der Geschichte der Arbeiterbewegung in Rheda und Wiedenbrück.



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